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Innovation in Tradition / Florian Medicus / STAHL

11.02.2016

Symposium: Innovation in Tradition

Florian Medicus

Institute for Structural Design, University for Applied Arts, Vienna

Der inhaltliche wie formale Zusammenschluss von Innovation und Tradition ist naturgemäß schwierig. Wo die Innovation durch Einsatz unbekannter oder bislang unversuchter Produktionsfaktoren Wirtschaft und Gesellschaft zu erneuern sucht („entfesseln“ nannte das ein österreichischer Politiker 2013), ist die Tradition doch mehrheitlich darauf bedacht zu bewahren und unverändert weiterzugeben. Innovationen sind zudem das vorerst Unbekannte, Risikoreiche und eben erst dann erfolgreich, wenn sie – im Sinne der Diffusion – entsprechende Anwendung finden.

In der Architektur kann man davon ausgehen, dass der Grad des Innovativen sich danach richtet, wie sehr ein neuer Typ, ein neues Material oder Medium Eingang in den gesellschaftlichen Kanon, dessen räumliche Vorstellung und Wahrnehmung findet. In diesem Zusammenhang doch bemerkenswert: Während die internationale Avantgarde und Architektur-Academia in den letzten zwanzig Jahren mit höchstem Einsatz bemüht war, eine, wenn auch nicht immer gleich parametrische, so doch sehr digital- und oberflächenorientierte Raumsprache einzuführen, muss jedem Spaziergänger die Redundanz des Faktischen schmerzlich bewusst werden. In unsicheren Zeiten scheint es kaum Bedarf für große Experimente zu geben und selbst die besten Projekte letztlich innovativer Art scheitern zu oft am Umstand, dass man so etwas noch nie gesehen (politisch), noch nie genehmigt (baurechtlich), noch nie kalkuliert und finanziert (bauwirtschaftlich) und überhaupt noch nie geplant, berechnet und gebaut (bautechnisch) hat.

Vor diesem Hintergrund lassen sich interessante Parallelen zur Entwicklung des Eisen- und Stahlbaus im 19. Jahrhundert finden. Ein neues Material wurde verfügbar und damit schienen neue Formen – ein zeitgemäßer Ausdruck in leichten und weit gespannten Konstruktionen nicht nur denkbar, sondern möglich – allerdings nur außerhalb der tradierten Vorstellung hoher Baukunst. Die Ignoranz der Architekten dem Stahlbau gegenüber war sicherlich mit ein Grund, warum für derartige Betätigungen ein neuer Berufszweig überhaupt erfunden wurde: der des Bauingenieurs. Und interessanterweise ist es heute wieder das Bauingenieurwesen, das von der digitalen Revolution mehr und eindeutiger zu profitieren scheint.

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