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Radical Austria / 04.05.1972 Die Verbesserung Österreichs

17.05.2021

In dieser experimentellen Sendung beauftragt der ORF insgesamt 39 „Kulturschaffende“ mit der Beantwortung der Frage, ob Österreich verbessert werden kann. Es ist, wie Alfred Payrleitner in der Einleitung verrät, ein Versuch, „die tiefe Kluft zu überwinden, die nun schon eine lange Zeit zwischen der Gesellschaft und ihren Literaten, ihren Malern, Bildhauern und Architekten sich aufgetan hat.“ Die Sendung wechselt zwischen einem Imitator von Peter Fichna, einem berühmten ORF-Moderator, und den verschiedenen Künstlern. Vor einer gebirgigen österreichischen Landkarte sitzend, mischt der Sprecher erschütternde lokale und internationale ZiB-Nachrichten mit Einführungen in die nachfolgende künstlerische Arbeit.

Wolfgang Böhm wendet sich mit einer Reihe von provokanten Bildern und Skulpturen gegen die „verblödelte“ alpine Architektur: Vom beleuchteten Gipfel des Frau-Hitt bis zu Brunnen von berühmten Personen, die entlang künstlicher Wanderwege platziert wurden, schlägt Böhm die Schaffung eines naturalistischen Gotham vor, um die Standard-Kitsch-Landschaftsbilder zu bekämpfen, die in den österreichischen Haushalt eingedrungen sind.

Die skurrile Wohnung von Hans Jascha wird als Reaktion auf die „Demokratisierung der Abfälle“ begründet. Jascha vermeidet die Verschmutzung der Erde, indem er mit seinem persönlichen Müll lebt. Sein Zimmer, ein Projekt mit dem Titel Mi Casa, Su Casa (1971), ist gefüllt mit Eierschalen, Teebeuteln, Lebensmitteln, Tellern, Büchern, einer Sockenecke, mit Ideallandschaften bemalten Wänden, einem Telefon neben einer Kochplatte, Kabeln und Drahtbügeln, einer überquellenden Couch, Fotos und Zeitungsausschnitten, Ketten und einem Universitätsabschluss, Holzkisten.

Die Bilder von Meina Schellander sollen zum Mitwohnen, Mitbestimmen und Mitteilen von Gebäuden anregen, die die Menschen in ihren täglichen Begegnungen auflockern können. Angesichts der düsteren Zahlen von Depressionen und Selbstmorden in Österreich stoßen wir auf lebendige künstlerische Vorschläge, die mit dem Lied der Bäume die tägliche Monotonie durchbrechen wollen. Schellander erkundet eine Reihe von „Built-dings“ – statt Gebäuden – als „windige Negationen“. Sie ersetzt die idealisierten Reihenhäuser durch eine riesige weiße Plastikhülle namens „Weißhäusl“. Sie setzt sich mit der Allee, dem Friedhof, dem wenig einladenden Denkmal auseinander und entwirft deren nachdenklich stimmenden Ersatz.

In den Nachrichten wird über die sozialkritische Planung eines Betonklotzes berichtet, der den öffentlichen Raum im geschützten Salzkammergut auffrisst. Dann stellt der Maler und Grafiker Franz Prätterhofer reproduzierbare dreidimensionale Landschaftsprojektionen vor, die transparente Skizzen über reale und fiktive Gemälde, Fotos und Zeichnungen legen. Der Betrachter taucht gleichzeitig in mehrere Welten ein, von verlockenden Landschaften bis zu solchen, die einer Korrektur bedürfen, um eine imaginäre Architektur zu schaffen.

In Wien fliegt ein Kind beim Spielen auf dem Balkon unversehrt aus dem zweiten Stock. Auf einem Kongress in Linz wird die Einsamkeit, Enge und der Freiheitsgrad von Stadtkindern thematisiert, während ein anderes Kind an den ORF schreibt um bessere Spielplätze zu fordern. Doch in den idealisierten Weichplastikkugeln, Rutschen und Röhren des Coop Himmelblau spielt ein Haufen Kinder sicher, sorglos, fröhlich. Dasselbe gilt aber auch für das erwachsene nackte Paar, das in einer anderen großen, plastischen, transparenten Kugel gefangen ist: die Unruhige Kugel (1971). An einem sonnigen Tag marschieren sie in Begleitung österreichischer Volksmusikanten die Straße hinunter – sie sind geschützt und doch nackt, sie liegen auf der grünen Wiese und springen ins kalte Wasser.

 

„Erinnern Sie sich daran, dass wir Menschen sind und keine Maschinen“, sagt Christine Franz mit unzweifelhaftem Ton. Gemeinsam mit Tim Schröder setzen sie sich für EIAG-Menschen ein; solche, die bewusst mit ihren Sinnen, ihrer Haut und ihrem Körper umgehen und spielerisch Kreativität, Spontaneität, Einfachheit und Freude suchen. Sie versammeln eine Gruppe von Freunden, um in einem Stadion mit den bunten Stoffschläuchen von EIAG zu spielen. Dieses Durcheinander von Worten, Saxophontönen und Körpern imitiert eine kreativ gestrickte Stadt, die sich mit der Bewegung ihrer Bewohner anpasst.

Peter Pongratz stellt den Psychomodulator vor, eine Maschine, die die furchtbare Abhängigkeit vom Fernsehen überwindet, indem sie dem Menschen erlaubt, einige Sinne, wie das Sehen, zu deaktivieren und stattdessen in stimulierende Halluzinationen einzutauchen. Die Kamera zeigt eine gemischte Realität, wobei Objekte und Pongratz selbst technisch in die Fantasie des Zuschauers eingebunden werden.

Die letzte Aktion der Sendung ist ein Highlight namens Schöner Wohnen (1970) von Salz der Erde, das im Ronacher-Studio des ORF produziert wurde. Ein bürgerlicher Mann betritt seinen Haushalt, indem er Münzen in die Haustür schiebt. Von der Arbeit kommend, findet er seine genervte, Negligé und Schürze tragende, kussbereite Frau vor, die ihm Bier und eine Schüssel Spaghetti serviert, die er allein vor dem Fernseher verspeist. Während er distanziert die Nachrichten verfolgt, beobachten wir das Wohnzimmer: ein schwarzer Verner-Panton Heart Chair, eine mit Zebrastreifen bezogene Couch, ein Fernseher, ein Landschaftsgemälde, ein Paar Hirschhörner, ein falscher Hund, eine kleine Bibliothek. Die Amerikanisierung der österreichischen Wohnung hält so lange an, bis unser Fake-Moderator das Abendessen des Ehemanns unterbricht. Aus dem Geschäftskoffer betreten die drei kleinen Figuren von Salz der Erde den Raum, um unter den flüchtigen Klängen von Jimi Hendrix‘ „1983… (A Merman I Should Turn to Be)“ die revolutionäre Verwandlung der langweiligen, stagnierenden Mittelschicht einzuleiten. Jascha nimmt den Platz des TV-Moderators ein, während sich die beiden Komplizen mit der widerstrebenden Ehefrau und dem Ehemann auseinandersetzen. Als die Donauwelle in die Wohnung schwappt, kommt es zur Gewalt im und vor dem Haus, bis es dem Paar gelingt, Körper und Bewusstsein zu tauschen und sich mit den Eindringlingen anzuvertrauen. Im Inneren des Hauses kommt es zu einer Zeremonie der Veränderung. Möbel werden zerstört und verfallen, ein riesiger Augapfel wird herumgeschoben, Biker durchqueren das Wohnzimmer, und Aufnahmen von Demonstrationen füllen den Raum. Die moderne Wohnung hat sich in eine Zone der Kontemplation und Erotik verwandelt, die nun eher wie Jaschas eigene Wohnung aussieht. Die Nachbarschaft geht langsam in Flammen auf.

 

MC
Laufzeit: 53’30’’
Source: ORF

Dieses Video wurde im Rahmen der Ausstellung Radical Austria: Alles ist Architektur gezeigt, die vom 5. Juni bis zum 3. Oktober 2021 im Design Museum Den Bosch stattfand.

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