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Radical Austria / 28.09.2015 Ein Kopf voller Eier: Der Visionär Friedrich Kiesler

26.05.2021

Von einer „charmanten, schrägen und charismatischen“ Figur zu jemandem mit Napoleon-Komplex: Der Kunstsammler Armand Bartos stellt den Kollegen seines Vaters, den Architekten Friedrich Kiesler, vor. Doch wie diese aktuelle ORF-Sendung zeigt, ist das einzige gebaute Projekt des österreichischen Emigranten, ein 1965 in Israel errichtetes Museum namens „Schrein des Buches“, nicht seine größte Leistung. Hani Rashid, Olafur Eliasson, Frank Gehry, Gerd Zillner, Peter Bogner und James Snyder kommen in der Dokumentation zu Wort, um seinen vielfältigen Einfluss auf das avantgardistische Denken darzustellen. Er ist der Vorläufer der Protagonisten, die in der Ausstellung Radical Austria: Alles ist Architektur vorgestellt werden.

Kiesler schreibt: „Form folgt nicht der Funktion, Funktion folgt der Vision, Vision folgt der Wirklichkeit“. Als „Autodidakt der Avantgarde“ studiert Kiesler teilweise Architektur in Wien, agiert aber als spätblühender Allrounder, der den modernen Minimalismus ablehnt. Er interessiert sich für die menschliche Raumwahrnehmung und erhält 1924 durch die Teilnahme an der Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik mit seiner Raumbühne seinen ersten Durchbruch – neben Fernand Légers Ballet Mécanique.

Es folgt die Internationale Ausstellung für moderne dekorative und industrielle Kunst 1925 in Paris, wo er den Begriff „Raumstadt“ einführt. Die Auslagengestaltung des Kaufhauses Saks in New York (1928) wird zu einer wichtigen Einnahmequelle während der Finanzkrise – Jahre, die er als „die verlorenen Jahre meines Lebens“ bezeichnet. Für das Film Guild Cinema in Greenwich Village (1929) entwirft er das „erste 100%ige Kino“, das Bilder auf alle Flächen projiziert, um den realen 3D-Raum zu imitieren.  Er zeichnet und lässt das Space House (1933) unvollendet. Er unterrichtet Szenografie an der Julliard, während seine Partnerin Stefi Begegnungen mit André Breton, Albert Einstein, Piet Mondrian, Max Ernst, Marcel Duchamp aufzeichnet. Er entwirft das Ausstellungskonzept von „Art of This Century“ für die Peggy Guggenheim Gallery in Manhattan (1941), und das Universal Theater(1961).

Der Kunsthistoriker Dieter Bogner erklärt, wie Kiesler sich vom Gesamtkunstwerk und Josef Hoffmann inspirieren ließ, allerdings nicht ohne eine Wendung: Er stellte den Menschen in den Mittelpunkt seines Entwurfs. Kiesler vergleicht das Ei mit dem menschlichen Körper und visualisiert die Elastizität des Gebäudes.

In einem CBS-Interview 1960 scheint Kiesler James Macandrew das Endless House (1959) zu erklären: „Lassen Sie mich Ihnen ein einfaches Zeichen geben, das Zeichen der Unendlichkeit…Das könnte ein Endless House mit zwei Räumen oder ein Endless House mit zwei Räumen sein. Oder … es gibt die Kontinuität in einer Drei-Zimmer-, Drei-Raum-Einheit, eins-zwei-drei…Aber das neue Konzept des Raumes, beginnt einfach mit einem neuen Lebensgefühl, einer größeren Befreiung Ihrer Persönlichkeit, Ihrer Individualität, einer größeren Unabhängigkeit. Das Haus sollte auf Ihre individuellen Bedürfnisse im Moment reagieren.“

 

MC
Laufzeit: 31’10’’
Source: ORF

Dieses Video wurde im Rahmen der Ausstellung Radical Austria: Alles ist Architektur gezeigt, die vom 5. Juni bis zum 3. Oktober 2021 im Design Museum Den Bosch stattfand.

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