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Radical Austria: The Movies. Vorwort.

26.05.2021

Parallel zur Ausstellung Radical Austria, Everything is Architecture im Design Museum Den Bosch, über die österreichische Avantgarde in Kunst, Mode, Design und Architektur in den 60er und 70er Jahren, präsentiert architecturaltheory.tv eine Auswahl von Filmen über und von den Protagonisten der Ausstellung, die ursprünglich für den ORF gedreht und von diesem ausgestrahlt wurden. Die Filme sind oft so radikal wie die Menschen, Ideen und Arbeiten in der Ausstellung. Sie bieten eine einzigartige Momentaufnahme der österreichischen Kultur in den 1960er und 1970er Jahren.

Der ORF hat eine lange Tradition in der hochwertigen Berichterstattung und Hintergrundinformation. Das gilt besonders für seine Kultursendungen. Hier nahm und nimmt der Sender seinen Bildungsauftrag sehr ernst. Bildung ist ein lebenslanger Prozess.

Im Jahr 1967 wurde mit Kultur Aktuell ein neues Kulturmagazin im ORF-Fernsehen initiiert, das sich mit allen Kunstformen befassen sollte. Zunächst wurde es am Samstagabend programmiert, aber der große Erfolg der Sendung beim ORF-Publikum sorgte dafür, dass es bald eine zweite Sendung am Dienstag gab. Und obendrein wurde nach einem dreiviertel Jahr vereinbart, dass jede „Zeit im Bild“-Sendung zur besten Sendezeit täglich 3-4 Minuten der Kultur widmet. Das ermöglichte es den Machern, wirklich über das aktuelle Kulturgeschehen in Österreich und im Ausland zu berichten.

Bemerkenswert an den Kultursendungen des ORF in den sechziger und siebziger Jahren – aber auch später – ist ihr oft (extrem) kritischer und experimenteller Charakter, der in Europa wohl einzigartig ist. Die Moderatoren, die in die Sendungen einführen, zeichnen regelmäßig ein nicht gerade schmeichelhaftes Bild von Österreich, vor allem, was seine Geschichte betrifft. Einige der von uns ausgewählten Sendungen werden von Dr. Dolf Lindner auf sehr ernste, fast schon grimmige Weise eingeleitet. „Als das Fernsehen noch jung und neu war“, sagt Michael Kehlmann im Rückblick mit einer Mischung aus Ironie und Selbstzynismus, wie sie für den Moderatoren von Kultur Aktuell typisch war, in der Jubiläumssendung Kultur am Mittwoch – 25 Jahre Kultur im Fernsehen 1980, „hatte sich eine Gruppe von Regisseuren, Autoren vorgenommen, das Fernsehen in Österreich – und parallel dazu in Deutschland – sozusagen Austriakisch zu unterwandern.“ Austriaka war ursprünglich der lateinische Name für Österreich, wird heute aber nur noch scherzhaft abwertend verwendet. Vielleicht gerade wegen dieser Haltung der Moderatoren wurde das neue Medium Fernsehen zum wichtigsten Vermittler zwischen den Kulturproduzenten und dem Publikum – einem breiten Publikum.

Gefilmt wurden die Präsentationen im Museum des 20. Jahrhunderts, das ursprünglich vom Architekten Karl Schwanzer für die Expo ’58 in Brüssel entworfen und an einem peripheren Ort in Wien rekonstruiert wurde. Schwanzer war auch der Professor der meisten Mitglieder der österreichischen Avantgarde an der TU Wien und verantwortlich für die Anstellung von Günther Feuerstein als Lehrer. Das „Zwanzigerhaus“ wurde in den folgenden Jahren zur Brutstätte und zum Treffpunkt der österreichischen Gegenkultur. Hier wurde die Arena 70 gegründet, ein Zentrum für Alternativ- und Jugendkultur, das noch heute an einem anderen Standort in Wien existiert.

Das Format der Kultursendungen änderte sich im Laufe der Zeit mehrmals. Anders als Architektur Aktuell war der Nachfolger Café Central keineswegs ein Ort der Beschaulichkeit, wie einer der Moderatoren zum 25-jährigen Jubiläum der Kultursendungen im ORF augenzwinkernd sagte. Café Central distanzierte sich von der Art und Weise, wie „Autoritäten“ die Themen in den ursprünglichen Kultursendungen einführten. Café Central war in der Tat eine Sendung mit scheinbar unmoderierten Diskussionen, als ob sie in einem Café stattfänden. Kleine Gruppen von Gästen saßen an kleinen Tischen dicht beieinander, diskutierten und schrien sich oft fast gegenseitig an.

Im Anschluss an die bewusst trostlosen Einführungen der Moderatoren sehen wir – oft recht lange – Sendungen mit Künstlern und Designern aus dem In- und Ausland, die sehr radikal arbeiten – wie die Künstler und Architekten in der Ausstellung Radical Austria – und ebenso zynisch oder im Gegenteil geschäftsmäßig optimistisch sein können. Die Künstler und Designer – manchmal noch Studenten, was auch erwähnt wird – haben ein wichtiges Mitspracherecht in den Sendungen und in einigen Fällen führen sie offensichtlich selbst Regie. Der Umgang mit den Medien war ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Vor allem Hans Hollein, der schon ab seiner ersten Ausstellung Architektur mit Walter Pichler in der Galerie nächst Sankt Stephan 1963 regelmäßig auftritt, spricht nicht nur über Medien, sondern weiß sich auch medial zu verhalten, um seine Anliegen zu vermitteln.

Die Serie unterstreicht auch die Bedeutung von Günther Feuerstein in der österreichischen Architekturszene. Feuerstein ist bekannt als Architekt, Schriftsteller, Redakteur – er war Mitglied der legendären BAU-Redaktion mit Hans Hollein – und Lehrer der meisten Mitglieder der österreichischen Avantgarde. Es gibt nicht nur einen Beitrag, der seinem Rauswurf als Lehrer von der TU Wien und den Studentenprotesten dagegen gewidmet ist, sondern er zeigt sich auch als Macher einer Reihe durchaus bemerkenswerter themenorientierter Sendungen über zukünftige Entwicklungen in Gesellschaft und Architektur, die oft auch mit experimentellen Arbeiten ehemaliger Studenten, wie vor allem Coop Himmelblau, illustriert werden. Der abendfüllende Beitrag über und von Coop Himmelblau vom Mai 1970 ist einer der vielen Höhepunkte dieser Reihe.

Wir freuen uns, dass wir neben der Ausstellung, in der sie leider nicht vertreten sind, auch größere Filme von Missing Link zeigen können. Missing Link war eine Gruppe von Architekten, die zwischen 1970 bis 1980 von Adolf Krischanitz, Angela Hareiter und Otto Kapfinger gebildet wurde. Ähnlich wie die Künstler, Designer und Architekten in der Ausstellung Radical Austria realisierten sie künstlerische Objekte, Grafiken, Aktionen, Performances und Experimentalfilme. Im Zentrum ihrer Arbeit stand, wie auch im Zentrum des Projekts Radical Austria, immer die interdisziplinäre Überschreitung und Verschränkung in den Künsten. Damit erweiterten sie die strenge Definition des Begriffs Architektur – oder eben Kunst oder Design.

Die vorliegende Sammlung ist chronologisch geordnet. Sie beginnt mit einer Reihe von Filmen aus dieser Zeit. Danach folgen mehrere retrospektive Dokumentarfilme aus späteren Perioden.

Radical Austria: The Movies wurde kuratiert von Bart Lootsma, Maya Christodoulaki und Alexa Baumgartner.

Einführung: Bart Lootsma

Beschreibungen: Maya Christodoulaki

 

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