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Symptom Design / Kurt Forster / Above the trash… (Italienisch)

14.05.2012

Design fordert Aufmerksamkeit und vermittelt Botschaften über Objekte. Als Sprache der Dinge wider setzt sich Design der Sprache als solcher. Der „linguistic turn“, wenn es ihn jemals gegeben hat, spielt im Vergleich zu seiner objektiven Reichweite und seiner subjektiven Macht eine eher untergeordnete Rolle. Ein Beispiel dafür, wie Werbedesign Sprache über das Ziel hinausschießt und Sprache untergräbt, ist das folgende: Vor kurzem hat die BBC den amerikanischen TV-Markt erobert und wirbt für ihre Programme. Um ihre Seriösität und ihren Qualitätsanspruch herauszustellen, lautet einer der für die Kampagne verwendeten Slogans „[We’re) above the trash… – also im Sinne von „[Wir bewegen uns) jenseits des Abfalls… oder [wir sind) über allen Schmutz erhaben…“. Entlang der von Pendlern stark frequentierten Bahnstrecke zwischen New York City und New Haven wurden die Abfalleimer auf den Bahnsteigen mit speziellen Schildern versehen, auf denen der Slogan „(We’re) above the trash…“ zu lesen ist. Die Bedeutung dieser Phrase erschließt sich von selbst und auch die aufgestellten Abfalleimer bergen nicht unbedingt Geheimnisse – nimmt man allerdings diesen Satz wortwörtlich, so wird hier beides erfasst, es gibt Abfall und nun gibt es etwas jenseits davon. Hier handelt es sich um ein Produkt des Designs und nicht einfach um eine Behauptung oder eine Tatsache. Ein weiteres Beispiel für den Wandel der Dinge und, was noch bedeutsamer ist, von Aktion durch Design, sind Apple-Produkte; sie sprechen eine Zielgruppe auf der ganzen Welt an: iPod, iPhone und iPad sind Paradigmen des Zeltgenöissischen Designs, weil sie mit ihren Funktionen haptische Erlebnisse bieten: Icons, Ziffern, Buchstaben und Symbole werden durch Berührung aktiviert, als ob die Sphäre der Zeichen auf die Erde zurückgekehrt und wie Schneeflocken auf der Haut geschmolzen wäre. Oberfläche steht für die operative Stufe jeder Transaktion. Da sich jede Aktion in einer virtuellen Tiefe verliert, erschafft Design eines der Mysterien der Fantasie neu, die Meerjungfrau: mit der oberen Hälfte als menschliche Gestalt, endet ihr Körper in einer Schwanzflosse. Wie sie ist Design gleichzeitig Verzauberung, Verwirrung, Ausbruch und unter Umständen auch Zerstörung. Einfach alles am iPhone macht süchtig und kündet von zwei Welten, von tiefem Abgrund und luftiger Höhe, von hart und weich, geschmeidig und undurchdringlich. Sein Sound ist wie der Gesang der Meerjungfrau, er bringt das Unerreichbare in greifbare Nähe, raubt Zeit und bewahrt die Erinnerung an Flüchtiges. Alles, was sich materialisiert, und tut es das mit noch so winziger Verzögerung, bleibt vollkommen immateriell. Seine Eigenschaften des „Fließenden“, „Gleitenden“, „Schrumpfenden“ und „sich Ausdehnenden“ bezeichnen einen zutiefst immateriellen Zustand, der nur auf Oberflächen erfasst werden kann. Die Architektur nimmt nun erneut eine allumfassende Rolle ein, wie sie es bereits in der Renaissance getan hat,
als sie die „Urmutter“ aller (visuellen) Künste war. Unzweifelhaft materiell, notwendigerweise in jedem Bestandteil geformt und in jedem Detail definiert, umfasst Architektur den „situativen Sinn“ ihrer Komponenten ebenso wie ihre materielle Tiefe. Heutzutage ist Architektur möglicherweise die einzige Methode, die in der Lage ist, Materie und Bedeutung jenseits ihrer jeweiligen Domänen zu vereinen. Nach einer sehr langen Phase der Entfremdung von ihrer Quelle stehen der Architektur vielleicht noch mehr Wandlungen bevor, als sie bereits vollzogen hat.

Kurt W. Forster (*1935; Prof. Dr.) ist Professor für Architekturgeschichte an der Yale University, New Haven. Studium der Kunst- und Literaturgeschichte und der Archäologie an den Universitäten von Berlin, München und Zürich von 1955–1960. 1961 Promotion an der Universität Zürich. Lehrtätigkeit u. a. an der Stanford University in Palo Alto, am M.I.T. in Cambridge und an der Bauhaus Universität in Weimar. 1984–1992 war er Gründungsdirektor des Getty Center for the History of Art and the Humanities in Santa Monica. Von 1992–1999 war er ordentlicher Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich, nach 1999 Leiter des Canadian Centre for Architecture in Montreal. 2004 war er Direktor der 9. Architekturbiennale Venedig, 2006 CCA Mellon Senior Fellow. Von 2005–2010 war er Vincent Scully Visiting Professor of Architectural History an der Yale University, New Haven, seither ist er der Leiter des dortigen Doktorandenprogramms. 2007 wurde er mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet. Er ist Mitglied des Research Council des Palladio Center in Vicenza und der Accademia di San Lucca in Rom und Vorstandsmitglied mehrerer Forschungsinstitute und Zeitschriftenredaktionen.

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