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Symptom Design / Roland Posner / Semiotische Grundlagen des Design

05 14th, 2012

Design ist die Gestaltung von Gegenständen mit dem Ziel, dass sie mit Hilfe ihrer wahrnehmbaren Eigenschaften Informationen über sich selbst mitteilen. Man unterscheidet dabei den Gestaltungsprozess (d.h. die Arbeit der Designer, die Designaktivität) vom Gestaltungsergebnis (d.h. dem Designobjekt mit seinen wahrnehmbaren Eigenschaften) und vom Mitteilungsvorgang (d.h. dem Designerlebnis). Wenig umstritten ist unter Designtheoretikern, dass Designobjekte Informationen über sich selbst mitteilen. Diskutiert wird aber heftig, von welcher Art diese Informationen sein können und wie sie erzeugt werden. Die weitestgehende Behauptung ist in diesem Zusammenhang, dass ein Designobjekt ein sprechendes Ding ist, dass es seine Mitteilungen in einer Art Dingsprache kommuniziert, und dass der Mitteilungsinhalt sich aus dem Spektrum der möglichen Verwendungsweisen des Designobjekts ergibt. Dieser Behauptung liegen die folgenden semiotischen Modelle zugrunde, die im vorliegenden Beitrag charakterisiert und einer Prüfung unterworfen werden.

1) Das Kode-Modell, das Designobjekte wie Wörter behandelt und ihre Informationen als Wortbedeutungen auffasst: Angenommen wird da bei die Existenz einer Dingsprache, welche die Dinge in Gegenstandstypen einteilt und jedem Gegenstandstyp auf konventionelle Weise eine Kategorie zuordnet, die ihn kennzeichnet. In jedem Angehörigen einer Kultur, der auf einen Gegenstand des betreffenden Typs stoßt, wird die betreffende Kategorie aufgerufen. Das gilt für Naturdinge (z.B. – Felsen, – Bäume, – Pferde) ebenso wie für Artefakte (z.B. – Häuser, – Schuhe, – Schreibmaschinen). Der Vorteil eines solchen Modells, das meist auf den Linguisten Saussure (1914) zurückgeführt wird, liegt in der Annahme eines Systems von kulturspezifischen Konventionen, die die Einteilung in Gegenstandstypen vornehmen (vgl. Posner, 1988 und 1992). Der Nachteil besteht in der starren Kategorisierung sowie in der Unfähigkeit, dem Mitteilungscharakter des Designobjekts gerecht zu werden.

2) Das Kommunikations-Modell, das Designobjekte als kommunikative Äußerungen behandelt, die Informationen ihrer Hersteller an die Nutzer mitteilen: Angenommen wird dabei ein Hersteller, der eine Herstellungsintention hat und will, dass die Nutzer diese Intention verstehen. Jede Person, die auf das betreffende Designobjekt stößt, sieht sich hier in einen Dialog verwickelt, der von ihr verlangt, dass sie aus seinen wahrnehmbaren Eigenschaften die Herstellungsintention erschließt und das Designobjekt in der betreffenden Weise benutzt. Das gilt allerdings (heute) nicht (mehr) für Naturdinge, die keinen Hersteller haben, sondern nur für Artefakte wie Häuser, Schuhe und Schreibmaschinen. Der Vorteil dieses Modells, das oft auf analytische Philosophen wie Grice (1957) zurückgeführt wird, liegt in der Genauigkeit, mit der jedes einzelne Detail des Designobjekts verstanden und auf die Gesamtintention bezogen werden kann. Der Nachteil besteht in der Dialogfunktion, die zufällige Eigenschaften der Hersteller und ihrer Biographie zu Teilen des Verstehensprozesses für die Mitteilungen des Designobjekts macht.

3) Das Funktions-Modell, das Designobjekte als Instrumente behandelt und als Mittel zur Verwirklichung eines Zieles auffasst, ohne einen zwecksetzenden Hersteller einzubeziehen: Angenommen wird dabei nur die Existenz von potenziellen Nutzern, die bestimmte Handlungsziele verfolgen und prüfen, was die Verwendung des Designobjekts zur Verwirklichung ihrer Ziele beitragen kann und wie es dabei eingesetzt werden muss. Jeder potenzielle Nutzer ist in der Wahl seiner Zeile frei; er kann sich dabei an den Zwecksetzungen anderer orientieren, kann bestehenden Traditionen folgen oder eigene passenden Zwecksetzungen erfinden. Er kann aber auch bekannte Funktionen des Designobjekts umgehen und entsprechend seinen momentanen Bedürfnissen zum Beispiel im Äußeren einer Wäscheklammer deren Einsetzbarkeit zum Verschließen einer Lebensmitteltüte sehen (bzw. ein einer Stuhllehne einen Kleiderbügel, in einem Bierdeckel eine Mittel zur Stabilisierung eines wackelnden Tisches oder ins einer Plastiktüte einen Nässeschutz für eine feuchte Sitzfläche erkennen; siehe Bürdek 2005: 270). Derartige Informationen betreffen das Spektrum möglicher Verwendungsangebote des jeweiligen Designobjekts in gegebenen Situationen und machen nicht vor Umfunktionierungen dieser Objekte Halt. Die entsprechenden Mitteilungen werden potenziellen Nutzern in einem Räsonnement zugänglich, das situationsbezogene Problemlösungen (d.h. “affordances” im Sinne von Gibson 1979) ermittelt. Diese Mitteilungen sind weniger umflexibel, als das Kode-Modell es erlaubt, und weniger personenabhängig, als das Kommunikations-Modell es verlang; sie werden der Aufgabe von Designobjekten, Informationen über sich selbst mitzuteilen, auf angemessene Weise gerecht. Der Mitteilungsinhalt beschränkt sich hier allerdings auf die Verwendbarkeit des Designobjekts. Und darin liegt auch die Hauptbeschränkung des Funktions-Modells. Traditionelle Symbolbedeutungen sind im Funktions-Modell nicht explizierbar, es sei denn man gebraucht den Funktionsbegriff in sehr weitem Sinne. Im Anschluss an die Prüfung der semiotischen Modelle bietet es sich an, die Umstände der Mitteilungen von Designobjekten mit den Umständen normaler sprachlicher Mitteilungen zu vergleichen. Wie sich ergibt, gilt: (i) Designobjekte reden nicht; denn sie benötigen keine Sprache. (ii) Designobjekte kommunizieren nicht; denn sie erfordern kein Verstehen von Mitteilungsintentionen. und positiv gewendet: (iii) Designobjekte legen nur bestimmte Schlussfolgerungen über sich selbst nahe; sie verlangen nicht mehr als die Deutung von Signalen und Anzeichen.

Roland Posner (*1942; Prof. Dr.) Studium der Philosophie, Vergleichenden Literaturwissenschaft, Linguistik und Kommunikationstheorie an den Universitäten Bonn, München und Berlin. Seit 1975 ist er ordentlicher Professor für Linguistik und Semiotik an der TU Berlin. Er ist der Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS), Ehrenpräsident der International Association for Semiotic Studies (IASS) und seit 1979 Gründer und Herausgeber der Zeitschrift für Semiotik. Er hat zahlreiche Bücher und Abhandlungen zur Linguistik, Semiotik, Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie und Kulturanalyse veröffentlicht sowie über 200 Bücher zu diesen Themen herausgegeben. Außerdem auch zahlreiche Arbeiten und Ausstellungen als Fotograf.

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