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Symptom Design / Jan Bovelet / Architecture as language – semiotic componential analysis of architecture a la Charles Jencks

05 14th, 2012

Charles Jencks gilt als einer der Hauptvertreter der Architekturtheorie der Post-Moderne. Sein Buch “The Language of Post-Modern Architecture” von 1977 kann quasi als eines der theoretischen Gründungsdokumente der Postmoderne gelten. In diesem Buch grenzt er die postmoderne Architektur kultur- und architekturgeschichtlich von der architektonischen Moderne ab, dem er den Begriff der Post-Moderne aus der Literaturwissenschaft in den Bereich der Architektur überträgt. Die Grundlage für Jencks’ Ansatz ist die Semiotik. Sie ist für ihn die Grundlagenwissenschaft schlechthin. Der Gegenstand der Semiotik ist die Analyse von Zeichen und Zeichenprozessen aller Art. Der Leitgedanke dabei ist, dass in allem, was wir tun, Zeichenprozesse involviert sind. Wenn wir also verstehen wollen, womit wir es jeweils zu tun haben, wenn wir uns mit etwas auseinandersetzen, müssen wir die Zeichenprozesse verstehen, kraft derer wir mit diesem etwas umgehen. Und das gilt dann selbstverständlich auch für die Architektur, für die Jencks eine “archisemiotics” (Charles Jencks, “The Architectural Sign”, in Signs, Symbols, and Architecture, hg. van Geoffrey Broadbent, Richard Bunt, und Charles Jencks [New York/London: Wiley, 1980]) vorschlägt. Um die semiotischen Grundlagen und Methoden, auf die Jencks seine Thesen aufbaut, vorzuführen, werde ich zwei Aspekte seines Ansatzes ausklammern. Zum ersten werden die kultur- und architekturgeschichtlichen Gesichtspunkte des Jencks’schen Ansatzes in diesem Beitrag nicht explizit thematisiert. Und zum zweiten wird der Aspekt ausgeklammert, dass die Semiotik kein einheitliches Gebilde ist. Es gab und gibt in der Entwicklung der Semiotik viele verschiedene Ansätze, Methoden, Modelle und Theorien. Es gibt z.B. die unterschiedlichen Linien von Semiologie und Semiotik, sprachzentrierte und allgemeine Ansätze, dyadische und triadische Zeichenmodelle. Wo Jencks hier geschichtlich und systematisch einzuordnen ist – auch das soll in diesem Beitrag fürs erste nicht interessieren. Stattdessen soll in diesem Beitrag Jencks’ semiotische Technik an einigen Beispielen, die er in “The Language of Post-Modern Architecture” gibt, vorgeführt und nachvollzogen werden. Die Beispiele selbst sollen der Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit der Idee und dem Wert der semiotischen Perspektive auf die Architektur sein, die Jencks vorgeschlagen hat.
Nach Jencks ist die Sprache das paradigmatische Zeichensystem schlechthin: “language dominates all sign systems”. Deshalb kann er Architektur in direkter Analogie zur Sprache auffassen und so semiotisch rekonzeptualisieren, nur das Architektur statt auf Wörtern auf “visual codes” (Charles Jencks, The Language of Post-Modern Architecture, 4. Aufl. [New York: Rizzoli, 1984]) basiert. Wie es verschiedene Sprachen gibt, die von verschiedenen Gruppen von Menschen zu verschiedenen historischen Zeiten gesprochen und benutzt werden , so werden auch zu verschiedenen Zeiten verschiedene architektonische Codes von verschiedenen Gruppen von Menschen benutzt. Diese Gruppen nennt Jencks “semiotic groups”: “usually a complex mixture of ethnic background, age, history and locale.” Jede dieser semiotischen Gruppen spricht also ihre jeweils eigene architektonische Sprache – das ist Jencks’ leitende Analogie. Für Jencks sind alle diese verschiedenen architektonischen Sprachen prinzipiell vollständig transparent: “(wie can make a componetial analysis of architectural elements and find out which are, for any culture, distinct units.” Die Aufgabe der semiotischen Komponentenanalyse besteht also darin, die basalen Ausdrücke einer architektonischen Sprache zu finden, und sie den Inhalten zuzuordnen, die sie bezeichnen. Die Idee, die hinter dieser Sprachauffassung steckt, ist die folgende: Sprache lässt sich grundsätzlich als Beziehung verstehen zwischen etwas, was bezeichnet – das Signifikans -, und etwas, das bezeichnet wird – das Signifikat. So wie ein Wort für eine bestimmte Bedeutung steht, so muss, nach Jencks, ein bestimmtes architektonisches Element- ein architektonischer Ausdruck – auch für eine bestimmte architektonische Bedeutung stehen: “architecture must have a signifying reference”. Ausgehend von dieser Konzeption soll sich nach Jencks die Architekturtheorie der “archisemiotics” bedienen, um architektonische Korpora für verschiedene semiotischen Gruppen aufzustellen. Diese Korpora kann man sich vorstellen wie große Lexika , in denen für die verschiedenen semiotischen Gruppen aufgelistet ist, welcher architektonische Ausdruck für welche architektonische Bedeutung steht. Hat man diese Lexika erst einmal in Händen, lässt sich – so Jencks’ Idee – auch die Doppel- und Mehrfachcodierung der Architektur in den pluralen Gemengelagen der Post-Moderne entziffern.
Von den Fragen, die sich an die Vorführung der Beispiele, die Jencks für die Anwendung seiner semiotischen Komponentenanalyse der Architektur gibt, anschließen könnten, möchte ich besonders zwei hervorheben: Erstens, ob und wie man die semitische Komponentenanalyse mit dem architektonischen Entwerfen und Machen verbinden kann. Welche Rolle kann sie beim Entwerfen von etwas Neuem spielen, wenn ein “architectural sign can only be completely analysed a posteriori, in a Kontext” (Jencks, “The Architectural Sign”, 102)? Und zweitens, ob und wie weit die Analogie zwischen Architektur und Sprache überhaupt trägt. Wieso sollten wir davon ausgehen, dass sich in der Architektur genauso zwischen Ausdruck und Bedeutung unterscheiden lässt, wie in der Sprache? (Und diese Frage gewinnt natürlich noch an Schärfe, da es viele sprachphilosophische und linguistische Argumente dafür gibt, dass es auch in der Sprache nicht möglich ist, kategorisch zwischen Ausdruck und Gebrauch zu unterscheiden.)

Jan Bovelet (*1980, Dipl.-Ing., Mag. Phil. ) ist Architekt und Philosoph; Studium von Architektur und Philosophie in Kassel, Köln und an der Technischen Universität Berlin. 2009 Abschluss des Architekturstudium und des Philosophiestudiums. Jan Bovelet war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Shrinking Cities und bei der Stiftung Bauhaus Dessau. Er ist Mitglied der Architekten- und Planungsgruppe urbikon.com und des Kunstkollektivs The Anxious Prop. Zur Zeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Bozen.

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