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Symptom Design / Gert Selle / Ding, Halb-Ding, Nicht-Ding, In-Ding, Über-Ding

14.05.2012

Es ist unvermeidlich, unter Design nicht nur die zeichenhaft wirksame Gestalt von Produkten, sondern auch die unsichtbare Formierung von Erfahrungsprofilen ihrer Nutzer zu verstehen. Es gibt sowohl sichtbares und unsichtbares Design am Objekt als auch sichtbares und unsichtbares Design am Gebraucher. Das ist die Ausgangsthese. Sie schafft einen Rahmen für Überlegungen, mit deren Hilfe man sich in designphilosophisches Denken einüben und Distanz zum Tun im Alltag gewinnen kann. Es geht um Beziehungen zwischen Design-Objekt und Gebraucher-Subjekt. Niemand sollte sich von der Zumutung, designphilosophisch zu denken, abschrecken lassen, es praktisch zu versuchen und sich in die Rolle eines Beobachters zu versetzen, der sich selbst und andere in designbestimmten Handlungsfeldern des Alltags wahrnimmt und fragt: Was ist hier Design? Welche sichtbaren und unsichtbaren Eigenschaften vereint es auf sich? Was macht es mit seinen Nutzern? Welche Erfahrungen vermittelt es? Gewiss würde ein Fundamentalontologe wie Heidegger mit dem Instrument seiner elaborierten philosophischen Logik zunächst fragen, was überhaupt ein Ding (oder Design-Objekt) ist, oder was die „Dingheit des Dinges“ bedingt. Wir hingegen können uns auf eigene Anschauung und Erfahrung berufen. Vorgeschlagen wird eine für Laien praktikable Methode der Annäherung an Design im Alltag: Was will d1eses Design und was bewirkt es? Als handhabungserfahrene und denkende Gebraucher können wir fragen: Welche Formen der Be-Dingung erlebt man heute an sich selbst? Welche Erfahrungen werden im Wechsel zwischen dem Greifbaren und dem Virtuellen gemacht? Was bedeutet es, durch Technik und Design kulturell situiert zu werden? Die moderne Technik hat oder ist ein so starkes Eigen-Design, dass der Philosoph Günther Anders schon Mitte des 20. Jahrhunderts befürchtete, dass „Technik als Subjekt der Geschichte“ ihre Gebraucher entmündigen könnte. Das war eine Vermutung, auf die man heute nachdenklich reagieren muss. Aus der Praxis des Umgangs mit Dingen, Halb-Dingen, Nicht-Dingen, In-Dingen und Ober-Dingen stellen sich Fragen nach unserer Positionierung in aktuellen produktkulturellen Verhaltens- und Erfahrungsräumen. Der Vortrag thematisiert diese Räume und möchte zu einer phänomenologisch unterlegten Übungs-Praxis animieren. Anregungen dazu ergeben sich aus den Teilen 2 – 6 des Referats. Inhaltliche Gliederung:
– Kulturelle Situierung – Gesten – Rituale – Bilder, Ikonen, Idole – das im Fetisch rehabilitierte Ding – der beteiligte Beobachter – (- optional): vom geheimen Leben der Dinge

Gert Selle (* 1933; Prof. em.) hat an der Universität Frankfurt am Main Germanistik und Kunstgeschichte sowie dort an der Städelschule (Kunsthochschule) Malerei und Grafik studiert und war acht Jahre lang Kunsterzieher an Frankfurter Gymnasien. 1968 ging er als Dozent an die Werkkunstschule (später Fachhochschule für Gestaltung) Darmstadt und wurde 1973 auf den Lehrstuhl für das Fach Kunst an die Pädagogische Hochschule Niedersachsen in Braunschweig berufen. Ab 1980 arbeitete er als Ordinarius für Theorie, Didaktik und Praxis ästhetischer Erziehung an der Universität Oldenburg, wo er 1998 emeritiert wurde. Er lebt heute in München.

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