en

Symptom Design / Christoph Baumberger / Gebaute Zeichen

14.05.2012

In meinem Vortrag entwickle ich eine Theorie der Symbolisierungsweisen von Bauwerken. Vorbereitend argumentiere ich dafür, dass Bauwerke als Symbole funktionieren können, auch wenn sie sich von paradigmatischen Symbolen unterscheiden. Dies verlangt jedoch nicht nur einen hinreichend weiten Symbolbegriff, sondern auch zusätzliche Symbolisierungsweisen neben der Denotation und Darstellung. Nelson Goodmans Symboltheorie, die zwischen Denotation, Exemplifikation, Ausdruck und Anspielung unterscheidet, erweist sich deshalb als geeignet fUr mein Vorhaben.
Denotation ist die Bezugnahme eines Symbols auf diejenigen Dinge, auf die es zu trifft; sie umfasst Benennen, Beschreiben und Darstellen. Die meisten Bauwerke denotieren nicht, aber es gibt interessante Ausnahmen. Die Denotation kann fiktional, mehrdeutig oder metaphorisch sein. – Bauwerke, die als fiktionale Darstellungen funktionieren, geben vor, etwas zu denotieren, das nicht existiert, z.B. einen Drachen. Bei ihnen geht es nicht dar um, was sie denotieren (nämlich nichts), sondern darum, wie sie als Symbole zu charakterisieren sind.
– Ein Bauwerk ist denotational mehrdeutig, wenn es mehrere denotationale Interpretationen zulasst, z.B. zugleich als Schiff- und als Enten-Darstellung interpretiert werden kann.
– Wenn ein mehrdeutiges Bauwerk als Metapher funktioniert, hängt seine metaphorische Interpretation von seiner buchstäblichen ab, z.B. die Interpretation eines wagenförmigen Tempels als Sonnen-Darstellung von seiner Interpretation als Wagen-Darstellung.

Anders als bei typischen darstellenden Skulpturen haben bei Bauwerken, die denotieren, nur wenige Teile Darstellungsfunktionen, werden nur wenige Aspekte des Sujets dargestellt, sind die Darstellungen wenig realistisch und ist es schwierig zu erkennen, was dar gestellt wird. Exemplifikation ist die Bezugnahme eines Symbols auf eine seiner Eigenschaften. Ein Stoffmuster exemplifiziert seine Farbe und sein Material, nicht aber seine Größe. Bauwerke können z.B. ihren Gebäudetyp, ihre Konstruktionsweise und Aspekte ihrer Form exemplifizieren. Die Exemplifikation kann multipel, fiktional mehrdeutig oder metaphorisch sein. – Bauwerke exemplifizieren meist viele Eigenschaften; einzelne Exemplifikationen können andere stützen, zu ihnen in Spannung stehen oder mit ihnen im Gleichgewicht sein.
– Bei der fiktionalen Exemplifikation gibt ein Bauwerk vor, eine Eigenschaft zu exemplifizieren, die es nicht hat, z. B. eine Betonskelettkonstruktion die Eigenschaft, ein Backsteinbau zu sein. – Ein Bauwerk ist exemplifikatorisch mehrdeutig, wenn es in verschiedenen Symbolsystemen oder im selben minimalen Subsystem mehrere exemplifikatorische Interpretationen zulässt; z.B. wenn soziale Gruppen unterschiedliche Symbolsysteme verwenden oder wenn eine Fassade zwischen mehreren Gliederungen schwankt. – Ein Bauwerk exemplifiziert metaphorisch, wenn ihm die exemplifizierte Eigenschaft nur metaphorisch zukommt, z.B. einem Warenhaus die Eigenschaft, männlich zu sein.

Der Begriff der metaphorischen Exemplifikation ermöglicht eine Explikation des architektonischen Ausdrucks: Ein Bauwerk drückt eine Eigenschaft aus, wenn es sie als ästhetisches Symbol metaphorisch exemplifiziert. Bauwerke können z.B. Emotionen, Tugenden, Ideen oder Werte ausdrücken.

Die einfache Symbolisierungsweisen Denotation, Exemplifikaton und Ausdruck können zu Bezugsketten verbunden werden. Anspielungen sind indirekte Bezugsnahmen über solche Ketten. Ich diskutiere stilistische, typologische, lokale und kulturelle Anspielungen.
– Stilistische: Ein Bauwerk spielt auf Werke eines Individual-, Kollektiv-, Lokal- oder Zeitstils an, indem es Merkmale exemplifiziert, die typisch sind für Bauwerke dieses Stils.
– Typologische: Ein Bauwerk spielt auf Werke eines funktionalen, formalen oder konstruktiven Typs an, indem es Merkmale exemplifiziert, die typisch sind für Bauwerke dieses Typs.
– Lokale: Ein Bauwerk spielt auf Aspekte seiner Umgebung an, indem es Merkmale exemplifiziert, die typisch sind für diese Umgebung.
– Kulturelle: Ein Bauwerk spielt auf Aspekte seines kulturellen Kontextes an, indem es Merkmale exemplifiziert, die typisch sind für diesen Kontext.

Anschließend argumentiere ich, dass die skizzierte Symboltheorie dem Standardeinwand gegen Theorien entgeht, die die Architektur als Sprache verstehen, und ein viel reicheres Instrumentarium zur Interpretation von Bauwerken liefert als alternative Architekursemiotiken.

Christoph Baumberger (* 1971; Dr.) ist Senior Research Fellow am Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich und Mitglied des Ethik Zentrums der Universität Zürich. Nach einer Ausbildung zum Hochbauzeichner studiert er Philosophie, Linguistik und neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich und der Ludwig-Maximilian Universität in München. 2010 promovierte er mit der Arbeit „Gebaute Zeichen. Eine Symboltheorie der Architektur.“ Von 2001 bis 2006 war er wissenschaftlicher Assistent und von 2006 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Universität Zürich. Von 2003 bis 2005 lehrte er an der Hochschule für Gestaltung in Zürich; von 2005 bis 2009 unterrichtet er im Rahmen des Master of Advanced Studies in Applied Ethics an der Universität Zürich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.