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Symptom Design / Uwe Wirth / Zwischen Symptom und Signal: Derridas Spurbegriff mit Pierce gelesen

14.05.2012

In meinem Vortrag soll es darum gehen, eine pragmatischsemiotische Lesart des Spurbegriffs zu entwickeln, und zwar ausgehend von einer Bemerkung, die Derrida in seiner Grammatologie macht. Dort heißt es: „[…] die Spur, von der wir sprechen ist so wenig natürlich (sie ist nicht das Merkmal, das natürliche Zeichen oder das Indiz im Husserlschen Sinne) wie kulturell, so wenig physisch wie psychisch, so wenig biologisch wie geistig“ [Jacques Derrida, Grammatologie [1967J, Frankfurt am Main 1983, S. 83]. Solch ein Spurbegriff ist, wie ich zeigen möchte, im Rekurs auf die Peirce’sche Semiotik nur schwer zu denken. In der Peirce’schen Zeichentheorie, die zwischen Symbol, Index und Icon unterscheidet, steht das Symbol in funktionaler Analogie zum Saussure’schen signe. Das Symbol ist Peirce zufolge „allgemeines Zeichen“, das von einer Konvention (convention), einer Gewohnheit (habit), oder einer natürlichen Regularität (a natural disposition) abhängt [CP 8.335]. [Charles Sanders Peirce, Collected Papers of Peirce, Bd. I-VI, hg. v. Charles Harsthorne und Paul Weiss, Bd. VII und VIII, hg. v. Arthur W. Burks, Cambridge, Mass. 1931-1958. Zitiert wird in Dezimalnotation im Text]. Als Beispiele für symbolische Zeichen nennt Peirce ein Wort, einen Satz, ein Buch oder ein Argument [CP 5.73]. Im Gegensatz zum Symbol stellt der Index eine Verbindung zwischen zwei individuellen Ereignissen her. Der Index „marks the junction between two portions of experience“ [CP 2.285] und eröffnet dadurch einen Wirklichkeitsbezug. Zum Beispiel das Krankheitsymptom. Das Indexzeichen hat in irgendeiner Form „a real connection with its object“ [CP 5.75]. An anderer Stelle wird diese Verbindung „als referentielle ausgezeichnet: Indices „refer to individuals“ und richten dabei die Aufmerksamkeit auf den Referenten aus: „they direct the attention to their objects“ [CP 2.306]. Zum Beispiel der deutende Zeigefinger. Im Unterschied zum Index muss das Objekt, auf das sich ein Icon bezieht, nicht tatsächlich vorhanden sein. Ein Icon kann ein Abbild oder ein Diagramm sein, es kann mit seinem Gegenstand aber auch nur über eine Ähnlichkeit verbunden sein. Vor dem Hintergrund dieser drei Zeichenaspekte werde ich eine weitere Differenzierung des Index-Zeichens vornehmen, nämlich die zwischen genuinen und degenerierten Index-Zeichen: Genuine Indices sind Teil einer motivierten, „existential relation“ [CP 2.283]. Die durch Kausalität oder „natürliche Kontiguität“ bestimmt ist [CP 2.306]. In eben dieser Weise sind Symptome kausal motiviert [CP 8.335]: Von Symptomen wird angenommen, dass sie eine unwillkürliche, motivierte Verbindung zu dem haben, worauf sie verweisen. Die epistemische Pointe eines genuinen Indexes besteht in der doppelten Unterstellung, dass er Bestandteil einer kausal motivierten, aber nicht-intentionalen Relation ist. Diese existentielle Relation zu einem Objekt ist die Voraussetzung dafür, dass man das Symptom als „natürliches Anzeichen“ deutet. Im Gegensatz zum genuinen Index ist der degenerierte Index nicht kausal motiviert. Ein degenerierter Index ist ein referentieller Zeiger: „a proper name without signification, a pointing finger“ [CP 5,75] ein nicht-propositionaler Hinweis also, der nichts anderes sagt als „Dort“ [CP 3.361]. Vor dem Hintergrund dieser Differenzierungen werde ich in meinem Vortrag zwei für Derridas Spur- und Schriftbegriff zentrale Gedanken diskutieren. Erstens spricht Derrida in der Grammatologie vom „Spiel der Schrift“, das er als „Unmotiviert-Werden der Spur“ fasst [Derrida, Grammatologie, S.87]. Zweitens macht Derrida in seinem Aufsatz „Signatur Ereignis Kontext“ noch eine andere Dynamik aus, die seiner Meinung nach zur „Struktur des Geschriebenen selbst“ gehört: die Iterabilität im Sinne der Wiederholbarkeit von Zeichen. Die lterabilität des Zeichens wird daran sichtbar, dass jedes Zeichen „zitiert – in Anführungszeichen gesetzt – werden“ kann [Jacques Derrida, „Signatur Ereignis Kontext“, in: Limited Inc, Wien 2001, S. 15-45, S.32]. So behauptet Derrida: „Aufgrund seiner wesensmäßigen Iterabilität kann man ein schriftliches Syntagma immer aus der Verkettung, in der es gefasst oder gegeben ist, herausnehmen, ohne dass es dabei alle Möglichkeiten des Funktionierens und genau genommen alle Möglichkeiten der „Kommunikation“ verliert. Man kann ihm eventuell andere zuerkennen, indem man es in andere Ketten einschreibt oder es ihnen aufpfropft. [Ebd.]. Die Frage, die sich insbesondere mit Blick auf diese zweite Passage stellt, lautet: Welche Zusammenhang besteht zwischen „Zitathaftigkeit“ und Indexikalität? Was für Index-Zeichen sind Anführungszeichen – und welche Form der Indexikalität finden wir in „Schreibspuren“? Handelt es sich bei Anführungszeichen um Signale, also um degenerierte Indices – und sind Schreibspuren eine besondere Form von Symptomen, sprich genuine Indices?

Uwe Wirth (*1963; Prof. Dr.) ist seit 2007 Professor für Neuere Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2005-2007 war er Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. 2005 Habilitation im Fach Germanistik zum Thema Die Geburt des Autors aus dem Geist der Herausgeberfiktion. Editoriale Rahmung im Roman um 1800: Wieland, Goethe, Brentano, Jean Paul und E.T.A. Hoffmann. 1997 Promotion zum Thema Diskursive Dummheit. Abduktion und Komik als Grenzphänomene des Verstehens, (Winter-Verlag 1999). Seine Forschungsschwerpunkte sind Zeichentheorie (fokussiert auf den Spurbegriff und das Peircesche Konzept der Abduktion); Kulturtheorie (fokussiert auf Performanztheorien und die Frage nach einer Logik der Kulturforschung); Paratexte und Schrifttheorie (Schwerpunkt: Literatur ‚um 1800‘); Komik und Komiktheorie; Aufpfropfung und Hybridität als Wissensfiguren.

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