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Symptom Design / Claus Dreyer / Architektonische Zeichen und ihre Bedeutungen

14.05.2012

Die Analyse und Interpretation von Zeichen, -komplexen und -prozessen in Kommunikationszusammenhängen aller Art ist Gegenstand der semiotischen Forschung, und in der semiotischen Beschäftigung mit der Architektur nimmt die Analyse und Interpretation von architektonischen Elementen, Situationen und Objekten eine demgemäß zentrale Rolle ein. Auch wenn die Theorie der Interpretation dabei oft stärker im Vordergrund steht als die Praxis der Interpretation, lassen sich doch einige beispielhafte Anwendungen finden, aus denen typische Vorgehensweisen einer semiotisch orientierten Interpretation abgeleitet werden können. Generell kann man sagen, dass aus semiotischer Sicht der Architektur eine Zeichenkonzeption zugrunde gelegt wird, über der die jeweiligen Interpretationen entwickelt werden können, z.B. die folgende „triadische“ Konzeption, die auf verbreiteten Ansätzen aufbaut:

1. Form

(Material, Konstruktion, Gestalt)

2. Funktion

(physiologisch, psychisch, geistig)

3. Bedeutung

(emotional, praktisch, ideell)

Die Arbeit der Analyse und Interpretation besteht bei diesem Modell darin, die Beziehungen zwischen Formen, Funktionen und Bedeutungen der architektonischen Zeichen zu ermitteln und sie, wenn möglich, in einer Synthese zu vereinigen; dabei kommt der Ausdifferenzierung der einzelnen Aspekte des jeweiligen Zeichenbezugs eine wichtige Rolle zu. Während in der klassischen modernen Architektur der Weg zur Bedeutung notwendig von der Funktion ausgehend über die Form führen sollte, hat sich in der spät- und nachmodernen Architektur dieser Bezug gelockert und die Form soweit verselbständigt, dass sie Bedeutungen unabhängig von der Funktion oder manchmal sogar gegen sie kommunizieren kann; das ist ganz besonders bei Gebäuden mit offenen oder künstlerischen Funktionen der Fall, findet sich aber auch zunehmend bei Zweckgebäuden aller Art. Für den semiotischen Interpretationsansatz kommen vor allem drei Gesichtspunkte in Betracht: Alle architektonischen Elemente, von der Großform bis zum kleinsten Detail, können als Zeichen gedeutet werden, vorausgesetzt, dass sie an einem physischen Träger intersubjektiv identifizierbar sind und dass ein kulturelles „Diskursfeld“ existiert, an dem die Deutung anschließen kann. Dieses „Diskursfeld “ wird in der Architektur ganz wesentlich durch die Bau- und Kunstgeschichte, aber auch durch den jeweiligen kultur- und gesellschaftstheoretischen Rahmen der Diskurse abgesteckt, und die Grenzen der Kompetenz auf diesen Gebieten sind auch die Grenzen der Interpretation. Ein weiteres zentrales Thema der Architektursemiotik ist die Bestimmung und Deutung von .,Codes“, die in der spezifischen Gestaltung eines Objekts gefunden werden können. Ein „Code“ ist nach Eco ein System oder Teilsystem von Zeichen, das einen geregelten Zusammenhang von Zeichen, Bedeutungen und Interpretationen besitzt und auf sozialen Konventionen oder Normierungen beruht. In der Architektur lassen sich ikonologische, typologische, stilistische, regionalistische, individualistische u.a. Codes unterscheiden; eine besondere Rolle spielt nach Jencks der Unterschied
zwischen elitären und populären Codierungen. Die Bestimmung von „Codes“ stellt das jeweilige Objekt vor einen Bedeutungshorizont, der Zusammenhänge mit größeren
kulturellen Gegenständen und Prozessen erhellt. In der spät- und postmodernen Architektur sind es die speziellen Mischungen und Überlagerungen von verschiedenen Codes, die zu komplexen und mehrschichtigen Bedeutungen führen. Auch das alte Thema einer „Symbolik der Architektur“ wird von der Semiotik fortgeführt und in einen stringenteren Zusammenhang gebracht: Symbole sind demnach Zeichen, die eine besonders tief verankerte Bedeutung in sozialen, kulturellen und historischen Prozessen haben, und die dazu dienen, wichtige ideelle Inhalte in konzentrierter Form auszudrücken. In seiner ,.Logik der Baukunst“ hat Christian Norberg-Schulz die „kulturelle Symbolisierung“ zu einer der Hauptaufgaben der Baukunst erklärt, die darin bestehen soll, dass zwischen einer Bauaufgabe, den darin enthaltenen ideellen Gehalten und jeweils angemessenen kulturell tradierten Formen eine Synthese hergestellt wird, die auf einer „strukturellen Ähnlichkeit“ zwischen den beteiligten Polen beruht. Das Ergebnis sollen architektonische „kulturelle Symbole“ sein, die zusammen mit anderen hoch bewerteten kulturellen Gegenständen das „Symbolmilieu“ (oder in unserer Terminologie das „Diskursfeld“) einer Gesellschaft bilden, in dem sich die Mitglieder über wesentliche Werte und Sinngehalte miteinander verständigen und vereinigen. Die Identifikation von solchen kulturellen Symbolen stellt eine der vornehmsten Aufgaben der Architektursemiotik dar. Diese Ansätze sollen im Beitrag dargestellt und erläutert, sowie an einigen Beispielen demonstriert werden.

Claus Dreyer (*1943; Prof. Dr. phil.) Studium der Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Kunsterziehung in Marburg, Berlin und Stuttgart. 1979 Promotion über „Semiotische Grundlagen der Architekturästhetik“ an der Universität Stuttgart. 1982-2009 war er Professor für „Grundlagen des Gestaltens, Räumliches Gestalten und Gestaltungstheorie“ am Fachbereich Architektur und Innenarchitektur der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Detmold. Seine Forschungsgebiete sind Semiotik und Ästhetik der Architektur.

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